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Auslandssemester Unterwegs

Ein Semester an der Universität Wien im Sommersemester 2018

„Oh nice, Du gehst nach Wien? Das ist eine so schöne Stadt! Das wird Dir sicherlich gefallen!“

Diese Worte hörte ich oft, wenn ich von meinem anstehenden Erasmus-Semester berichtete. Da ich selbst zuvor noch nie in Wien gewesen war, lauschte ich den Erzählungen und Berichten über diese eindrucksvolle Stadt gebannt und meine Vorfreude wuchs immer weiter. Die Bürokratie im Rahmen des Erasmusprogramms der Uni Göttingen im Vorfeld war schnell abgehakt, die Formulare flott ausgefüllt und am 26. Februar 2018 um 13:05 Uhr ging es dann schon los – 4 Monate Wien! Wie der Zufall es so wollte, war in der WG einer alten Freundin, die ich während eines Auslandaufenthaltes in der 10. Klasse kennengelernt habe, ein Zimmer frei, was ich für 4 Monate beziehen durfte. Es war für mich also nicht alles neu in dieser neuen Stadt. Nach einem ersten Gang durch den 1. Bezirk, dem Kennenlernen der Uni und den ersten Must-Sees wurde mir schnell klar, dass ich die nächsten Wochen und Monate in dieser schönen Stadt auf jeden Fall gut aushalten kann! Zwar hatte ich erst einen Hauch von dem gesehen, was es in Wien sonst noch alles zu sehen gibt, doch wurden schon auf dieser kleinen Tour viele Erwartungen erfüllt, die mir die Erzählungen und Berichte im Vorhinein meines Erasmussemesters gemacht hatten. Am Tag nach meiner Ankunft wurden die Erasmus-Studierenden vom International Office an der Universität begrüßt und mit allgemeinen Informationen zum Erasmus-Aufenthalt und zum Leben in Wien bekannt gemacht. Bei diesem Treffen lernte ich erste andere Erasmus-Studierende kennen, darunter auch solche, aus deren Bekanntschaft in den vier Monaten eine wahre Freundschaft wurde. Grundsätzlich ist es nur zu empfehlen, in den ersten Tagen viele der von ESN angebotenen Unternehmungen wahrzunehmen, da man so schnell mit neuen Leuten von verschiedenen Unis und Fakultäten aus unterschiedlichen Ländern in Kontakt treten kann.

Nachdem in der ersten Woche die Stadt erkundet und die ersten Freundschaften geknüpft wurden, begannen am 5. März die Lehrveranstaltungen an der Theologischen Fakultät. Diese ist nicht im eindrucksvollen Hauptgebäude der Uni Wien zu finden, sondern in der Schenkenstraße, einer kleinen Gasse hinter dem Burgtheater. In diesem Gebäude ist sowohl die katholische als auch die evangelische Theologie angesiedelt, was das ökumenische Interesse beider unterstreicht. Im 5. Stockwerk des Gebäudes hat man einen hervorragenden Blick über die Dächer Wiens. Am schönsten waren die Donnerstage, an welchen ich stets bis 19:00 Uhr Seminar hatte und jede Woche aufs Neue den Sonnenuntergang über dem Rathaus genießen konnte.

Meine vorab im Learning-Agreement angegebenen Lehrveranstaltungen konnte ich größtenteils nicht besuchen, da diese ja bereits im vergangenen Jahr ausgesucht werden mussten, als noch nicht einmal das Veranstaltungsverzeichnis für das Sommersemester 2018 online war. Die Sinnhaftigkeit einer solch frühen Auswahl ist daher zu hinterfragen. Erst nach meiner Ankunft stellte ich meinen Stundenplan endgültig zusammen, mit dem ich auch im Nachhinein noch sehr zufrieden bin. Der Hauptgrund, warum meine Wahl auf Wien fiel, war das Lehrangebot an der Evangelischen Fakultät. Einige der „großen Theologen“ unserer Zeit lehren in Wien und so habe ich mit großem Interesse Seminare und Übungen bei eben jenen Professoren besucht.

Generell ist mir das Lehr- und Lernverhalten an der Fakultät im Gegensatz zu meiner Heimatuni Göttingen sehr positiv aufgefallen. Da die Fakultät nochmals kleiner ist als die in Göttingen, herrscht eine noch familiärere Atmosphäre. Das Seminar mit den meisten Teilnehmer:innen, welches ich besuchte, bestand aus circa 25 Studierenden, das mit den wenigsten aus 7 Teilnehmer:innen. Dass kleinere Gruppen zu mehr mündlicher Beteiligung anregen, zeigte sich in Wien ganz besonders stark: So viele lebhafte Diskussionen und hitzige Debatten habe ich traurigerweise in Göttingen nie erlebt. Vielleicht mag die vollständige Modularisierung nach der Bologna-Reform ihren Teil dazu beigetragen haben, wonach es nun mündliche Noten zu verteilen gilt, doch sehe ich den Grund eher darin, dass es eben kleinere Seminare sind, in denen sich einfach nicht versteckt werden kann.

Es war interessant zu sehen, wie viel mehr sich mit der Katholischen Kirche auseinandergesetzt wird, schon allein aus dem Grund, dass die evangelische Konfession in Österreich als Minderheit gilt. So habe ich in der Zeit in Wien viel über das Zusammen und das Gegeneinander der beiden großen christlichen Konfessionen lernen können. Besonders das Seminar „Stadtspaziergänge im evangelischen Wien“ hat viel dazu beigetragen: Nachdem die kirchenhistorische Basis gebildet wurde, durften wir Studierenden selbst Stadtführungen zu protestantisch geprägten Orten in Wien vorbereiten und durchführen. Von einem solchen Format habe ich vorher noch nie gehört und ich bin regelrecht begeistert davon, wie viel mehr man lernen kann, wenn nicht per Beamer an die Wand projiziert, sondern real angeschaut oder von Wegen und Pfaden nicht berichtet wird, sondern man sie selbst abläuft.

Neben meinen Uni-Veranstaltungen hatte ich auch noch genug Zeit, das kulturelle Leben in Wien zu entdecken. So durften Besuche in den vielen Theatern und der berühmten Wiener Staatsoper natürlich nicht fehlen. Auch die vielen Museen wurden besucht, bei weitem aber nicht alle. Ganz besonders kann ich das Format „Kunstschatzi“ empfehlen: An einem Abend im Monat verwandelt das Kunsthistorische Museum seine Kuppel in eine Cocktail-Bar und bei guter Musik und überteuerten Getränken werden Führungen zu dem jeweiligen Thema des Events angeboten. Unter diesem Blick bekommen Kunstwerke häufig eine etwas andere Interpretation und werden aus einer ungewöhnlichen Perspektive betrachtet.

Natürlich durften auch Ausflüge in das Umland Wiens nicht fehlen. Ein besonderes Highlight meines Erasmus-Aufenthalts war die wunderschöne Wanderstrecke des Stadtwanderweges 1a, der zwar steil in die Berge hinaufführt, oben angekommen aber mit dem besten Ausblick über Wien und die Weinberge belohnt. Ein Muss für jeden Wanderfan! Die geografische Lage Wiens machte ich mir auch zunutze und so unternahm ich den ein oder anderen Ausflug in nahe gelegenen Städte: Eine ESN-Tour nach Zagreb und Ljubljana im März, einen Ausflug mit meinen Wiener Erasmus-Freunden nach Budapest im April und einen Tagestrip ins nahe gelegene Bratislava. Im Juni stand dann noch ein Besuch bei einer meiner besten Freundinnen in Prag an, die zur selben Zeit ein Erasmus-Semester dort verbrachte. All diese Städtetrips in die teils ehemaligen jugoslawischen Länder haben mir wieder gezeigt, wie selbstverständlich wir unseren Lebensstil nehmen, wie oft wir unsere Scheuklappen aufsetzen und wie wenig wir in unsere Nachbarländer schauen. An dem Wochenende beispielsweise, als wir in Budapest waren, standen die Wahlen in Ungarn an und es war erschreckend zu sehen, wie die Populisten und Rechten um ihre Stimmen warben. Gerade dort wurde mir nochmals klar, wie wachsam wir als Europäer:innen sein müssen, damit der Populismus und der Nationalismus nicht Oberhand gewinnen, damit wir uns weiterhin als Europäer:innen verstehen und unsere Landesgrenzen nicht immer höher ziehen.

Nun noch ein paar Sätze zu den Kosten und dem Unterhalt in Wien: Der monatliche Einkauf war vielleicht ein paar Euro teurer als der gewöhnliche Einkauf in Göttingen. Die Miete war im Vergleich zu meinem WG-Zimmer in Göttingen um einiges teurer, konnte zum Großteil aber von den Erasmus-Geldern gedeckt werden. Das, was den Aufenthalt erst finanziell in die Höhe getrieben hat, waren die Ausgaben, die ich für Ausflüge, Museen, Theater und Sonstiges tätigte. Denn natürlich möchte man sich, wenn man schon einmal für einen längeren Zeitraum in einer so aktiven und vielseitigen Stadt lebt, nichts entgehen lassen. Und gerade in einer Stadt wie Wien sollte man das auch nicht!