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Unterwegs

Praktikum in Deal, England

Ich liebe England. Das ist wirklich einfach mein Lieblingsland, weil es mich an Familienurlaube erinnert und ich den Tee mag und all die Wiesen und alten Gebäude, die Sprache und die Schafe. Hauptsächlich deswegen habe ich ein Praktikum mit FreshExpression gemacht, nach Deal in Kent, direkt an der Küste mit den wunderbaren Kreidefelsen. Die fünf Monate im Sommer 2019 wurden dann zu einer der prägendsten Zeiten meiner bisherigen Stationen. Womit ich nämlich nicht gerechnet habe, ist dass ich sehr theologisch gefordert werde, auf eine tief persönliche Art. Mein Glauben bisher war stark geprägt von der elterlichen Erziehung, da beide als Pfarrperson tätig sind und ich in der Landeskirche beinahe kulturprotestantischen Glauben er- und gelebt habe. In England nun habe ich in einer Gemeinde gearbeitet und vor allem erstmal klassische Praktikantinnen Aufgaben erledigt. Aber die ganze Struktur der Gemeinde war sehr auf Mission ausgelegt und damit war ich erst einmal überfordert. Es gab ein großes Fest zur Erneuerung des Taufversprechens, ich wurde oft gefragt, wie ich zu Jesus gefunden habe, und in den Mitarbeitenden Treffen wurde laut gebetet. An diese ganz andere, mir ungewohnte Art der Frömmigkeit musste ich mich echt gewöhnen. Das für mich einschneidendste war aber meine erste Gastfamilie. Meine Gastmutter war tief überzeugt von der Sündhaftigkeit von Sex vor der Ehe. In der Hälfte meines Aufenthaltes dort kam mich mein Freund besuchen, und er hat einen eigenen Raum bekommen, und es wurde darauf geachtet, dass er abends auch dort drinnen schläft. Diese Verurteilung meines Lebensstiles, die ich dort gespürt habe, hat mich zutiefst verunsichert. Fünf Monate lang Worship Gottesdienste, emotionale Predigten und die Überzeugung, dass alle Andersdenkenden, übertrieben gesagt, des Teufels sind, hat mein ganzes bisheriges Glaubensbild ins Wanken gebracht. Gespräche mit jungen Erwachsenen in der Gemeinde haben mir aber gezeigt, dass sie auch mit dem starren schwarz-weiß-Denken nicht so klarkommen und froh waren, wenn ich von meiner Gemeinde in Deutschland erzählt habe. Die Reaktionen waren ganz erstaunlich: Oh, das geht auch? So kann christliche Kirche auch sein?

Letztendlich bin ich aber so froh, dass ich aus meiner Komfortzone geholt wurde und gezwungen war, mich mit meinem Glauben auseinanderzusetzen. Es war auch sehr verletzend zwischendurch. Ich musste das erste Mal wirklich reflektieren und überlegen, was ich eigentlich glauben möchte, und wie ich das legitimieren kann. Der Prozess wurde in England angeregt und hält bis heute an. Und vor allem habe ich dadurch einen Zugang zur Emotionalität im Glauben gefunden und singe inzwischen auch immer mal gerne Worship Lieder. Wenn auch nicht jeden Sonntag und nicht ausschließlich.