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Allgemein Protest

Über Ohnmacht und Ermächtigung

Es ist kalt. Einige Menschen um mich herum ziehen ihre Beine hoch, beugen ihr Kniegelenk und drücken es wieder durch. Ich tue es ihnen gleich. Ein bisschen den Blutkreislauf in Schwung bringen, während wir den Redebeiträgen lauschen. Ja, es ist kalt, aber noch kälter ist es an der polnisch-belarussischen Grenze. Und im Gegensatz zu den Menschen dort, kehre ich bald ins Warme zurück.

Am gleichen Abend werde ich gefragt, wie ich auf die Demos aufmerksam werde. Die Person meint, sie kriegt das immer gar nicht mit, wenn irgendwo eine Demo ist. „Über social-media Kanäle“ ist meine Antwort. Die Person sagt, dass sie diesen Kanälen nicht folge, weil es sie deprimiere, was sie dort sieht. Und auch wenn mich diese Bequemlichkeit, der Scheuklappenblick, das Ausblenden all des Unrechts wahnsinnig nervt: Ich kann die Person verstehen.

Das Problem ist ja, dass die Beschäftigung mit den Unrechtsverhältnissen auf der Welt ein bodenloses Fass ist. Sobald ich das Gefühl habe, mich gut genug mit einer Scheiße beschäftigt zu haben, trete ich direkt in die Nächste. Beziehungsweise: Ich trete nicht hinein, ich werde damit beworfen. Ein Blick in die Nachrichten reicht und der Tag ist versaut.

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer von der Christlich Demokratischen Union (dieser Name ist übrigens nur eine Selbstbezeichnung) will, dass „wir“ die Bilder von leidenden Menschen an den Grenzzäunen Europas aushalten. Nein, das kann ich und will ich nicht. Ich will mich an die Herzenskälte, das politische Kal(t)kül nicht gewöhnen. Menschen bleiben Menschen und Not-Leidenden muss geholfen werden.

Aber wie kann ich schon helfen? Mitten im Examensstress. Eine schiere Ohnmacht angesichts der zu bewältigenden Bücherberge hier, eine schiere Ohnmacht angesichts der zu bewältigenden humanitären Katastrophen dort. Demos bringen doch nicht wirklich was, meinte auch letztens ein Kommilitone. Dass das nicht stimmt, zeigt zum einen ein Blick in die Geschichte z.B. Gandhi, oder jetzt neulich die Black lives matter Proteste, die ebenso wie Fridays for future ja immerhin eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus und Umwelt angefacht haben.

Reicht das aus? Nein. Rassismus ist nach wie vor ein Problem und auch im Koalitionsvertrag wird mit schwammigen Formulierungen der Kohleausstieg zur gewünschten Möglichkeit anstatt zu absoluter Notwendigkeit erhoben. Aber ohne Demos wäre es nicht mal das. Demonstration ist aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: Hinweisen, auf etwas aufmerksam machen. Oder auch: Den Finger in die Wunde legen. Aufzeigen, inwiefern das System in dem wir leben kaputt ist. Die Ausbeutung benennen, der wir unseren Wohlstand verdanken. Sei es, um bei den Beispielen zu bleiben, die Ausbeutung unserer Mitwelt oder die Ausbeutung Schwarzer und People of Color.

Außerdem erfüllen Demos für mich auch einen ganz persönlichen Zweck. Sie dienen als Ventil meiner Wut. Sie sind der Ort, an dem ich merke, dass ich mit meiner Abgefucktheit nicht alleine bin. Sie sind die Gemeinschaft, in der mein Glaube praktisch wird. Und ja, auch in Gottesdiensten wird das Unrecht der Welt benannt und für die Notleidenden gebetet. Initiativen wie das Befreiungstheologische Netzwerk, theoversity in Leipzig, decolonize theology in Hamburg, und viele viele weitere zeigen auf, dass Theologie immer eine politische Dimension hat.

Die Frage ist nur, ob man sie benennt oder nicht. Jesus war womöglich kein (Proto-)Sozialist, aber er hatte eine Vorstellung, wie das Leben innerhalb (s)einer Gemeinschaft auszusehen hat. Und Politik ist ja nichts anderes als die Verständigung darauf, wie man als Gesellschaft zusammenleben möchte. Wenn die Gemeinschaft der Gläubigen sich das bewusst macht, ist schon viel gewonnen. Das bedeutet nicht, dass alle Christ*innen zur gleichen politischen Haltung kommen müssen. Nur das eine Gemeinde/Theo-Fachschaft/etc. eben nicht unpolitisch ist, sondern pluralpolitisch. Damit ist der Grundstein für den Dialog über die Handlungen gelegt, die aus dem politischen Bewusstsein folgen.

Der Glaube schenkt mir die Kraft mich berühren zu lassen. Von schönen Erfahrungen in Gemeinschaft, aber auch vom Leid dieser Welt. Denn Jesus hat nicht nur gepredigt, er hat auch gehandelt. Anders gesagt: Aus großem Glauben folgt große Verantwortung. In dem Sinne:

Lasst uns miteinander
Lasst uns miteinander
Singen, spielen, loben den Herrn
Lasst es uns gemeinsam tun
Singen, spielen, loben den Herrn

Wir sehen uns auf der Straße.

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