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Auslandssemester Unterwegs

Erasmusstudium: Winter- und Sommersemester 2020/2021

Aus verschiedenen Gründen habe ich mich für ein Erasmusstudium in Polen, im Pommerschen Szczecin entschieden, nachdem ich bereits nach dem Abi ab Herbst 2014 ein Jahr im französischen Strasbourg verbracht hatte. Vorab: ich schreibe aus der Sicht einer Medizinstudentin und Christin, die immer wieder die Begegnung mit dem lebendigen Gott sucht. Ich hoffe, ihr könnt vielleicht ein wenig von dem Bericht profitieren. Kontaktiert mich gern, falls ihr nach Strasbourg oder Szczecin gehen solltet oder Fragen habt. charlottho@gmail.com

Kurzer Erfahrungsbericht zu christlichem Leben und lebendigem Glauben in Strasbourg 2014/2015

In Strasbourg gab und gibt es eine evangelische Studierendengemeinde (GBU, wie in vielen Städten Frankreichs) und verschiedene christliche Wohnheime („Le Stift“, „Le Sturm“ …), sodass eine Integration in christliche bzw. evangelische Gemeinschaft sehr gut möglich ist. Soweit ich weiß, wird in Strasbourg immer noch regelmäßig ein Weihnachtssingen im Krankenhaus organisiert und die christlichen Student*innen sind untereinander kreativ und aktiv vernetzt. Ich kann das wirklich sehr empfehlen, ich habe die Leute als sehr warmherzig, offen und einladend erlebt!

Für mich als frische Abiturientin und Landeskirchlerin, die seit vier Jahren den lebendigen Gott mehr und mehr kennenlernen wollte, war alles spannend und vieles neu. Hauskreise und Gemeinden gab es auch unterschiedlicher Art, z.B. hatte ich den Hauskreis „Les navigateurs“ gefunden (Ursprung „The navigators“ in Colorado, US). Im Hauskreis waren vor allem Student*innen, teils FSJler*innen, teils schon im Arbeitsleben Stehende und wir haben uns zum gemeinsamen Essen, Singen und Bibellesen getroffen. Wir kamen aus unterschiedlichen Gemeinden, aber viele besuchten St. Nicolas in Strasbourg. Wegen des Lobpreises und um einen neuen Einblick zu erhalten, besuchte ich dort oft die Abendgottesdienste und dies war meine erste Begegnung mit einer freien Gemeinde. Besonders bewegt hat mich die persönliche, lebendige Beziehung zu Gott.

Weiterhin gab es auch sehr klassisch „landeskirchliche“ Gottesdienste, wie z.B. in St. Thomas – sonntags 9 Uhr auf Deutsch und 10.30 Uhr auf Französisch, wobei letzterer stärker besucht war, wenn auch mit einem recht hohen Altersdurchschnitt.

Gott hat mir in Strasbourg auch eine echte Schwester im Glauben geschenkt. Bis heute sind wir nun wohl schon Freunde fürs Leben – und das, obwohl wir uns „nur“ über ein Sprach-Tandem kennengelernt haben (Deutsch-Französisch).

Aus einer Landeskirche kommend, ist mein Glaube gewachsen, nachdem ich die Heimat erst einmal verlassen habe: durch Freund*innen und Gemeindeerfahrung – in Frankreich und v.a. auch während der sehr guten Zeit an meinem Studienort Leipzig (und dort besonders im Evangelischen Studienhaus). Auch in Polen konnte ich neue Erfahrungen sammeln und merke, dass ich weiter im Glauben wachsen will: als Ermutigerin und mit authentischen Berichten aus meinem Glaubensleben – ohne Radikalität und Dogmen – in der Liebe zu Gott und zu seinem Wort.

Lebendigen Glauben in Polen finden – Szczecin 2020/2021

In Szczecin habe ich vor allem zwei relativ lebendige Gemeinden besucht – eine polnische Baptistengemeinde und eine englisch-polnische freie Gemeinde (kcdw.pl).

Zu einem traditionellen polnischen Gottesdienst in der katholischen Kirche oder evangelischen „Landeskirche“ habe ich es leider nie geschafft. Auf jeden Fall sind in Polen viele Menschen in der Kirche und ich hatte das Gefühl, dass Religiosität und christliche Werte einen wichtigen Platz in der Gesellschaft einnehmen und auch mehr Paare mit Kindern verheiratet waren. Ich erinnere mich an einen Tag im Krankenhaus (an der Uni), als uns eine Frau ein Handyfoto für einen Hautbefund ihrer kleinen Tochter zeigte – es war zufällig ein Foto der Taufe – in einem besonders hübschen weißen Kleid. Während des Jahres sah ich auch öfter Mädchen in Tauf- oder Kommunionskleidern – wie kleine Bräute; die Jungen ebenso im Anzug. Am Karfreitag begegnete mir auch einmal ein Umzug – vermutlich aus einer katholischen Kirche. Auch im Park der Stadt gab es an den katholischen Festtagen oft Andachten mit Pfarrern und ein paar Christ*innen – v.a. eher Ältere. Auch im städtischen Uniklinikum hingen in vielen der Krankenzimmer Kreuze über der Eingangstür – ohne christliche Trägerschaft des Krankenhauses.

Von einem direkten Bericht aus meinem Hauskreis hatte ich gehört, dass eine junge Frau, die als Kind in der katholischen Kirche getauft worden war und die Kommunion erhalten hat, sich aber später zu einer freien-evangelischen Kirche bekannte und hatte taufen lassen, aus dem Register ihrer katholischen Kirche gestrichen wurde. Es war, so erzählte sie, eine große Diskussion in der Familie. Ich vermag definitiv nicht den objektiven Blickwinkel zu haben; die Person berichtete nur, dass zumindest in ihrer Familie nicht-katholische Kirchen oft als „sonderbar“, evtl. als eine Art Sekte betrachtet werden.

In der baptistischen Gemeinde wurde polnisch gesprochen, es gab Lobpreis, wenig Liturgie und eine mir aus der Landeskirche vertraute Art der Predigt. Schließlich wechselte ich wegen der Sehnsucht danach, Predigten vor Ort verstehen zu können und einen Hauskreis zu besuchen, in eine freie englisch-polnische Gemeinde (ab Frühjahr 2021 dann zunehmend in Präsenz). Der dortige Pfarrer stammte aus Großbritannien und seine Frau aus Schweden. Ihre beiden Kinder wuchsen dreisprachig auf – also noch inklusive Polnisch. Die Pfarrfamilie hatte es nicht im Sinn gehabt, noch weitere Jahre in Szczecin zu bleiben, zu predigen und Gemeinde anzuleiten, allerdings hat es sich so ergeben bei einigen Treffen in der Gemeinde.

Dort begegneten sie auch einer aktiven Christin aus Großbritannien, die seit Jahrzehnten in Szczecin lebt, sich von Gott hatte an diesen Ort stellen und gebrauchen lassen und Teil dieser Gemeinde war. Die Gemeinde hat verschiedene Hauskreise und Lobpreisabende angeboten. Wir haben uns immer Freitagabend in der „Lady’s group“ getroffen, um Glaubenserfahrungen, Zeugnisse, Gedanken und Eindrücke aus dem Bibellesen u.a. aus der aktuellen Woche auszutauschen. Meist waren wir internationale Student*innen der pommerschen medizinischen Universität, aber auch polnische junge Frauen aus der Gemeinde. V.a. aber haben mich drei junge Frauen aus Nigeria bereichert, die in Szczecin arbeiteten und einen Glauben hatten, der Berge versetzen konnte. Samstags trafen wir uns alle zwei Wochen zum Fürbittengebet. Weiterhin bot die Gemeinde sogar auch Straßenevangelisation und Hilfe für Obdachlose an, leider konnte ich da nicht persönlich mit dabei sein.

Der Pfarrer und seine Frau leiteten die Kirche völlig ehrenamtlich, unter der Woche führten sie ihr „Business“. Sie standen offen dazu, dass ihre Gemeinde Baustellen hat und haben diesen Geist auch weitergetragen – an Verantwortliche, aber in Glaube und Gebet mit dem Streben nach Wachstum und Gott stets in den Mittelpunkt zu stellen.

Für mich war es sehr hilfreich, dass in dieser Gemeinde immer auf Polnisch und Englisch gesungen und die Predigt simultan übersetzt wurde. Was mir als bisherige Landeskirchlerin fehlte, war ein Segen am Ende der Gottesdienste. Ich musste mich auch erst an die vielen Ideen und Gedanken gewöhnen, die während der Predigt aufgeworfen wurden. Ansprechend fand ich aber die Gestaltung der Predigten als Predigtreihe. Teilweise wurden im Gottesdienst auch Zeugnisse ausgestrahlt oder gesprochen, manchmal trafen wir uns (statt wie sonst üblich in einem Uni-Saal) in einem Park oder zum Picknick-Gottesdienst im Grünen.

Ich bin dankbar, diese lebendige Gemeinde gefunden zu haben – ohne diese wäre es für mich sicher nicht so einfach gewesen, außerdem war es eine kulturelle Bereicherung und eine neue Glaubenserfahrung. In Szczecin gab es leider keine Studierendengemeinde oder christliche Hochschulgruppe, wie z.B. SMD, ESG; KSG; Campus connect oder, oder, oder! Soweit ich weiß, gibt es nichts großes städteübergreifendes in Polen, aber jede Stadt hat ihre eigenen Gruppen, z.T. auch für Student*innen. Möge Glaube, Toleranz und Einheit auch in Polen weiterwachsen.