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Und was ist mit der Schuld?

Vergebung der Sünden

In der komplexen Welt, in der wir leben, sind wir alle in Sünde verstrickt. Wir werden schuldig an Menschen und an unserem Lebensraum, an der Schöpfung.

Nahezu jede Handlung oder unbedacht gewählte Worte können zu Verletzung führen. Manchmal haben wir nur wenig Einfluss darauf, was unsere Handlungen bewirken können.

Bei komplexen Lieferketten ist es schwierig den Überblick zu behalten, ob und wem Schaden zukommen kann. Zwischen Verpflichtungen und Verantwortung fehlt oft die Zeit, sich wirklich eingehend mit Konsumentscheidungen auseinanderzusetzen. So kann unser Einkauf, unsere Handlung, anderen Menschen und/oder der Umwelt schaden. Das ist nur ein Beispiel für mögliche Verflechtung von Handlung, Leid und Schuld. Warum müssen Menschen vor den Grenzen Europas unter unvorstellbar schlimmen Bedingungen leben, warum sterben Kinder, warum wird immer noch so viel Plastikmüll produziert, warum haben manche Menschen so viel mehr Macht als andere? Um die Ungerechtigkeiten aufzuzählen, die es auf dieser Welt gibt, fehlt hier der Platz.

Angesichts des immer wiederkehrenden Leids scheint es unmöglich auch nur einen Finger zu rühren. Wie soll etwas, das ich tue, diese Welt besser machen? Woher weiß ich überhaupt, an wem ich schuldig geworden bin?

Ich weiß es nicht und nichts, was ich tue, wird grundlegend etwas am Leid und an der unendlichen Schuld der Menschen ändern. Mit diesem Ausblick ist es schwierig nicht verzweifelt und bewegungslos zu verharren.

Gott* weiß um das unendliche Geflecht aus Handlungen und damit verbundener Schuld. Sie kennt unsere Sünden, weiß, wenn wir uns von ihr abwenden. Sie weiß um unsere unabsichtlichen Verfehlungen und auch von unserem Handeln ohne Liebe. Sie kennt das Leid und den Ursprung des Leids. Denn vor Gott* sind wir sündig. Gefangen in den komplexen Verästelungen dieser Welt. Wir können nichts tun, das an diesem Zustand etwas ändern könnte. Gott* allein kann uns unsere Sünden vergeben.

Aber was bedeutet das eigentlich, wenn trotzdem alles voller Leid bleibt? Das Wissen um die Vergebung der Sünden kann uns Kraft geben, liebevoll zu handeln. Denn wenn wir uns sicher sein können, dass unsere Sünden vergeben werden, können wir befreiter versuchen in dieser Welt zu handeln. Wenn wir einerseits wissen, dass wir immer wieder Fehler machen und Schuld auf uns laden werden, und andererseits sicher sein können, dass Gott* uns liebt, vergibt und annimmt, erlangen wir Freiheit. Das bedeutet nicht, dass wir einen Freifahrtschein bekommen, um Leid anzurichten. Es bedeutet, dass wir wissen, dass wir Fehler machen dürfen, während wir uns bemühen, liebevoll zu handeln.

Diese gott*geschenkte Freiheit macht es möglich voller Hoffnung in die Welt zu blicken. In dieser Freiheit können wir einander liebevolle Dinge sagen und tun. Wir können aufbauen, Raum schenken, zuhören, verändern, protestieren und laut gegen Ungerechtigkeit schreien. Denn die Hoffnung, dass viele Menschen versuchen, liebevoll zu Handeln und so in die komplexen Geflechte aus Tat und Schuld neue Auswege und Lösungen zu weben, trägt. Und das Wissen, dass unsere Liebe und unsere Bemühungen gemessen an Gottes* Liebe und Bemühungen nur ein Spiel zu sein scheinen, ermöglicht es, sich umso mehr Mühe zu geben. Immer gehalten in der Liebe Gottes*.

Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Gott* vergibt unsere Sünden. Im Vaterunser wird gebetet: „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Was bedeutet das?

Wir Menschen können einander keine Sünde vergeben, das tut Gott*, denn sündig werden wir vor Gott*. Trotzdem können unsere Taten und Worte verletzen. Besonders schwere Taten können das Leben eines Menschen für immer beeinträchtigen. Und auch wenn Gott vergibt, wie sollen wir Menschen, die wir aneinander schuldig werden, weiter miteinander leben?

Eine Möglichkeit ist, einander zu vergeben. Jemanden zu vergeben der*die einem Verletzung und Leid zugefügt hat, kann heilsam wirken. Vergebung kann helfen mit dem Vergangenen abzuschließen und weiterzuleben. Sowohl der Person, die Leid zugefügt hat, als auch der, der Leid angetan wurde. Dafür kann die Person, die Leid zugefügt hat, um Vergebung oder Entschuldigung bitten. Die Person, der Leid zugefügt wurde, kann der anderen Person vergeben oder sie entschuldigen. Sie kann der anderen Person aber auch im Stillen vergeben, ohne, dass sie je um Vergebung gebeten wurde.

Sie kann sich aber auch dagegen entscheiden. Denn es gibt Taten, die für immer das Leben verändern können.

(Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt/Gewalt/Tod)

Es gibt Taten, die kann man nicht vergeben. Es gibt Wunden, die niemals ganz heilen.

Die Frau, die ihm vertraut hat, aber er hat das „Nein“ ignoriert und einfach weitergemacht. Ihr fällt es schwer sich wieder auf jemanden einzulassen, denn Angst und Schmerz sind zu groß.

Die Eltern, deren Kind bei einem Autounfall gestorben ist, die in tiefer Trauer kaum andere Familien anschauen können.

Der Junge, der in der Schule gemobbt wurde und selbst als erwachsener Mann mit Unsicherheit und Angst zu kämpfen hat. Ihm fällt es schwer anderen Menschen zu vertrauen.

Diese Taten, ob vorsätzlich oder nicht, greifen unmittelbar in das Leben ein. Sie nehmen ein Stück davon mit. Sie verändern die Menschen, denen sie angetan werden, unwiderruflich. Schmerzhaft.

Was hier nur skizziert ist, bedeutet in der Realität jeden Tag mit der Erfahrung und Erinnerung leben zu müssen. Es bedeutet Situationen zu meiden, Angst, Einsamkeit, Trauer, Schmerz und Wut zu erleben. Immer wieder. Es bedeutet nicht mehr so leben zu können, wie vor dem Geschehen.

Und es kann sein, dass diese Taten nicht zu vergeben sind. Dass der*die Täter*in nicht entschuldigt werden kann. Also bleibt die Schuld zwischen den Menschen bestehen.

Die zugefügten Wunden können vernarben. Das bedarf viel Zuwendung und Kraft. Wenn die Menschen in Sicherheit, liebevollem Umfeld und in Ruhe weiterleben können, kann das Überleben wieder zu Leben werden. Die Wunden können langsam vernarben. Auch wenn die Narben schmerzen können und vielleicht niemals ganz verheilen, bedürfen sie nicht mehr so intensiver Aufmerksamkeit und Pflege wie offene Wunden. So kann das Leben wieder schöne Momente voller Liebe und Genuss haben.