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Von friedvoll bis explosiv – Jesuslike wütend sein

Für Protest braucht es unter anderem Wut. Wut, die gesellschaftlich versucht wird zu lindern. Zum Beispiel durch Ökotipps (denn wir alle können die Welt retten, wenn wir nur ein bisschen mehr Fahrrad fahren) oder dadurch, dass dir deine Freund*innen erzählen, dass ihre Beziehung genauso mies wie deine läuft, deswegen fühl dich mal nicht so schlecht, so sind sie nun mal, die „Männer“. Außerdem mal ein bisschen Dankbarkeit bitte, Dankeschön. 

Warum will sie also niemand, meine Wut? 

Weil mich meine Wut auf die Straße trägt, weil sie zu viel ist, sie mich dazu zwingt, sie zu entladen und politisch aktiv zu werden. Für Klimaschutz, für Feminismus, für Anti-Rassismus. Weil meine Wut mir sagt, dass ich gar nichts aushalten muss. Meine Wut bringt mich zum Kämpfen. Und das macht Angst. 
Denn was wäre es, wenn ich wirklich dazu stehen würde, was in meinem Kopf vorgeht? Wenn wir das alle tun würden? Dann könnten wir nicht mehr in den Tag leben, dann könnten wir nicht mehr jeden Tag über Alt-Herren-Witze lächeln und dann betreten zur Seite schauen. Dann gäbe es nicht mehr diese eine „Feministen-Tussi“, die die Stimmung kaputt macht, dann wären wir fast alle diese eine „Tussi“. Anstatt andere darauf aufmerksam zu machen, dass Grün-Wählen und Flugzeug fliegen aber ein lächerlicher Widerspruch ist, würden wir uns gemeinsam aufregen, über eine Politik die uns bezüglich eines 1,5 Grad Ziels anlügt und Reiche bevorzugt. Auf unangenehme Art würden wir so lang ehrlich diskutieren, bis vielleicht wirklich einmal so etwas wie Verständnis aufleuchtet und nicht alle nach Hause gehen, in der Meinung natürlich Recht gehabt zu haben. 

Ich frage mich seit Längerem, wieso Wut ein Tabu ist und wo der Mut zum Frieden geblieben ist. Es sind beides Emotionen, die aus uns herausströmen und zur Veränderung anstiften. Ich glaube, was mich frustriert, ist die Gleichgültigkeit angesichts von Inhumanitäten. Diese Gleichgültigkeit drückt sich darin aus, dass wir Nachrichten wegschalten können, auch wenn dort von Massensterben gesprochen wird. Oder darin, dass wir als Kinder gesagt bekommen „Denk doch mal an die hungernden Kinder in Afrika“, damit wir unsere Teller aufessen, aber die Personen dabei selbst gar nicht wirklich an Hunger und Armut denken. Sie zeigt sich, wenn wir auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, daraufhin aber nur in eine politische Ecke geschoben werden und der Inhalt des Gesagten schnell vergessen ist.

Als Liebhaberin des Evangeliums glaube ich aber an die Veränderung. Ich bin überzeugt davon, dass mein Glaube ein kritisches Potential in sich birgt. An vielen Orten ist die Wut längst enttabuisiert, weil erkannt wurde, dass sie nötig ist, um echte Veränderung zu bewirken. In christlichen Kreisen dagegen wird der Wut entgegengehalten: „Werde Jesus gleich!“ Damit ist meist nicht gemeint für seine Überzeugung einzustehen, sondern alles zu verzeihen und abzunicken. Gar nicht mal so jesus-ähnlich eigentlich? Ich hoffe darauf, dass wir die Anstößigkeit an der Person Jesu wieder wahrnehmen. Ich bin nicht Christin, weil ich den protestantischen Arbeitsethos feier, ich bin Christin, weil ich es noch immer für realistisch halte, gemeinsam ein besseres Morgen zu bauen. Dieser Verantwortung möchte ich entsprechen, ich hoffe aber auch darauf, eine Kirche zu erleben, die für diesen Jesus einsteht.

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