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Auslandssemester Rumänien Unterwegs

Biologische, ethnische und religiöse Vielfalt – Erasmus in Transsylvanien

Als es in mein 6. Semester ging und mir klar wurde, dass fast alle, mit denen ich angefangen habe zu studieren, bald die Uni wechseln werden, kam ein kleiner Frust darüber auf, dass ich alleine zurückbleiben werde. Auch wenn ich natürlich nie allein war, war das für mich der Entschluss, dass ich mich um einen Platz im Erasmusprogramm bemühen werde.

Ein Studienjahr wollte ich nicht, denn zum einen wollte ich nicht bis zu meiner Zwischenprüfung warten und zum anderen wusste ich um die vielen, ungenutzten Erasmus-Plätze in der Theologie und fand das sehr schade. Es empfiehlt sich absolut, sich zu trauen sich zu bewerben, denn es gibt in der Theologie wirklich viele freie Plätze. Auch die meist vor Ort angebotenen Sprachkurse sind gut und ich würde immer empfehlen, diese zu machen. Es erleichtert das Einkaufen, aber auch das Ankommen im und Kennenlernen des Landes, welches in meinen Fall Rumänien werden sollte. Und gerade Rumänisch erinnert Theologiestudierende doch manchmal an Latein. In Rumänien gibt es durchaus auch einen gewissen Stolz auf das alte römische Erbe des Landes.

Das berühmte „Dracula“-Schloss

Nach dem siebten Semester mit erfolgreichem Graecum sollte es für mich losgehen. Ich war sehr aufgeregt, denn egal wohin, würde das Erasmus-Programm bedeuten, dass ich eine von vielen Austauschstudierenden sein würde und als Theologiestudentin zwischen anderen Studiengängen verschwinden würde. Nach sechs Semestern in der kleinen Theobubble, die ich sehr schätze, wollte ich einmal in der Menge untergehen bei Infoveranstaltungen und Events.

Aber wohin? Meine Universität hatte so viel Auswahl. Aber eigentlich war ganz schnell klar, dass ich nach Cluj-Napoca (oft kurz einfach Cluj) wollte, die zweitgrößte Stadt Rumäniens und dort gibt es die beste Uni des Landes. Warum? Zum einen war ich dort noch nie, hatte aber viel gehört und wollte mir selbst ein Bild machen. Zum anderen war ich fasziniert von der Geschichte und konfessionellen Vielfalt Transsylvaniens und dem kulturellen Leben Cluj-Napocas.

Und dann gab es da noch einen Punkt… Ich hatte öfter gehört, dass die Theologie doch außerhalb Deutschlands nicht gut sein kann und wütend darüber wollte ich zeigen, dass die deutsche Theologie nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und es tolle Lehre überall geben kann.

Eine der zahlreichen Kirchen der Stadt

Wie geplant wurde ich genommen und konnte tatsächlich als glückliche Besitzerin eines Graecums nach Cluj reisen. Die Aufregung war groß. Zwar hatte ich einen Wohnheimsplatz ergattert, aber allein und ohne Rumänisch-Kenntnisse musste ich vom Flughafen zum Wohnheim anreisen. Zum Glück sammelten mich schon am Flughafen erfahrenere Austauschstudierende ein und packten mich samt Gepäck zu ihnen in das Taxi. Nach den ersten Tagen alleine, bekam ich endlich meine Zimmerkollegin auf mein Zimmer. Wie das Schicksal es wollte, wurden Schlüssel vertauscht und so lernte ich meine angedachte Zimmerkollegin und meine tatsächliche Zimmerkollegin kennen, da die Chemie so stimmte, dass wir uns gegen einen Rücktausch entschieden.

So seltsam für mich das Zimmer teilen erst einmal war, so schön war es dann doch. Ich habe gemerkt, wie viele Privilegien ich habe, dass ich mir vorher nie ein Zimmer teilen musste.

eine süße Katze vor dem Wohnheim

An der Fakultät für reformierte Theologie und Musik (es war immer schön, auch die Chorproben zu hören) wurde ich sehr herzlich begrüßt und war als eine der seltenen Erasmusstudent*innen in der Theologie vielleicht auch etwas Besonderes. Die Fakultät war ungarischsprachig, was ich leider auch nicht spreche, und es wurde mir ermöglicht, parallel Kurse auf Deutsch oder Englisch zu bekommen. Das hieß Einzelunterricht! Ich weiß zwar, dass es ermöglicht werden muss, für Länder und Fakultäten sogenannter kleiner Sprachen Kurse in Englisch zu ermöglichen, aber trotzdem fühlte es sich auch seltsam an, so privilegiert wie eine Königin behandelt zu werden. So ein Betreuungsschlüssel ist ein Traum! Die Lehre war ausgezeichnet. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht zu lernen, ich wurde auf Augenhöhe behandelt und hatte einen richtigen Motivationsschub und die Gewissheit, auch wirklich das richtige Studium gewählt zu haben.

Während der Monate in Cluj bin ich nicht nur durch das Land gereist (kleiner Tipp: oft kann bei Kirchen- oder Ordensgemeinden übernachtet werden. So gibt es auch noch spannenden Austausch) und habe mich wie üblich in Rumänien auch in einem Studierendenverein angemeldet, sondern hatte große Freude am „Kirchen-Hopping“. Ich habe mir verschiedene Kirchen angeschaut, habe viele Gottesdienste besucht, habe mich in Museen über die Geschichte der verschiedenen Religionen in Cluj informiert, habe mit heimischen Studierenden über die aktuellen Entwicklungen der Kirche, über die Verbindung von Konfession mit Ethnie geredet, derer es mehrere in Transsylvanien oder Rumänien allgemein gibt. Letzteres wurde mir besonders deutlich auf einem reformierten Kirchentag nahe der ungarischen Grenze, wo neben ungarischen Flaggen auch traditionelle Trachten zu sehen waren.

auf dem reformierten Kirchentag

Jedoch habe ich mich auch sehr viel außerhalb der Theologie bewegt, weil ich es wichtig finde, auch mal die eigene Blase zu verlassen. So habe ich viele internationale, aber auch heimische Studierende diverser Studiengänge kennengelernt, war auf Konzerten, bei Tagungen anderer Fakultäten, im Theater und Kino, habe die erste Pride der Stadt erlebt, habe mich durch diverse Restaurants gefuttert (ich liebe Essen), etc. Ich habe viel weniger geschafft als vorgenommen und bin voller Eindrücke zurückgereist. Ich habe sehr viel gelernt, auch über die neuere Geschichte Rumäniens allgemein, habe Bilder in meinem Kopf hinterfragt und aufgeräumt. Ich würde es immer wieder machen.

Raus aus der Stadt ins Grüne

Erasmus in Rumänien lohnt sich auf jeden Fall und auch die Besichtigung der Kirchen empfiehlt sich. Das Land hat so schöne Kirchen. Eine so große konfessionelle Vielfalt… Da geht allen Ökumene-Fans das Herz auf! Ich habe eine große Freundlichkeit und viel Entwicklung und Bewegung in dem Land wahrgenommen. Es wird spannend, was da die Zukunft noch bringen wird.

Mittelaltermarkt in der Stadt

La revedere!

Im Einkaufzentrum

Eine Antwort auf „Biologische, ethnische und religiöse Vielfalt – Erasmus in Transsylvanien“

Sehr interessant das Land mal aus anderen Augen zu sehen. Bin rumänischstämmig und deswegen mit einer ganz anderen Sichtweise auf das Land aufgewachsen (eher vor der Revolution). Vom modernen heutigen Rumänien weiß ich nicht viel. Vielen Dank für deinen Einblick

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