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Heilige Christliche…?!

446 Tage, so lange ist es her, dass ich einen Gottesdienst in einer Kirche besucht habe. Es fehlt mir viel in diesen Tag: meine Freund*innen, Partys, die letzten anderthalb Jahre. Was mir nicht fehlt, ist die Kirche.

Die Heilige Christliche Kirche… ohne Kirche?

Ich war auch vor Corona keine regelmäßige Kirchengängerin, aber zumindest ab und an in Gottesdiensten. Es ist sogar vorgekommen, dass ich Sonntagmorgens kurz aufwachte, weil die Trockenheit im Mund in Folge einer durchzechten Nacht nach einem Glas Wasser schrie. Und ganz kurz, in dieser halben Minute, bevor ich wieder in den Dämmerschlaf fiel, der mich den zwangsläufigen Kater noch ein wenig hinauszögern ließ, kam die Erinnerung, dass ich mir vorgenommen hatte, eigentlich jetzt in der Kirche zu sitzen.

Ironischerweise hat Corona allerdings nicht nur für ein zeitweises Gottesdienstverbot geführt, sondern auch dafür, dass der Grund, warum ich es normalerweise nicht geschafft hätte, Sonntagsmorgens aufzustehen, ebenfalls nicht mehr vorhanden war. An meinen inzwischen nüchternen Sonntagmorgen der letzten anderthalb Jahre besuchte ich jedoch keinen einzigen Gottesdienst in Präsenz und ebenfalls nur eine Handvoll Gottesdienste im digitalen Format – welche mich oft ein wenig ernüchtert zurückließen.

Während ich in vorpandemischen präsentischen Gottesdiensten schon nicht selten irritiert war über die Realitätsferne und die wenig ausgeprägte rhetorische Fähigkeit der Pfarrperson, so trug gerade Corona zur weiteren Demaskierung bei. Was bleibt übrig, wenn das gemeinsame Singen, die Imposanz der kirchlichen Bauten und die Gemeinschaft vor Ort wegfallen? Dieses Tamtam, welches mich nicht selten über die schwache inhaltliche Gestaltung eines Gottesdienstes hinwegschauen ließ, wird abgelöst durch einen Bildschirm auf meinem Schreibtisch, an dem ich seit März letzten Jahres ohnehin schon überdurchschnittlich viel Zeit verbringe. Übrig bleibt oft enttäuschend wenig.

Karfreitag auf dem Bildschirm

Einer dieser Gottesdienste ist mir besonders surreal im Gedächtnis geblieben. Es war Karfreitag dieses Jahrs und zumindest in Süddeutschland glaubte man für einige Tage, dass nun endlich der Frühling beginne – weit gefehlt, wie sich in den darauffolgenden stürmischen Wochen herausstellte. Nichtsdestotrotz, an diesem Freitag im April war keine Wolke am Himmel. Ich saß zusammen mit meiner Mutter bei über 20°C, vor einem Bildschirm auf unserer Terrasse, um mir den Karfreitags-Gottesdienst per Youtube-Livestream einer kleinen Gemeinde der Region anzusehen. Im Hintergrund war aus unserem Garten das Summen der Bienen am Rosmarinstrauch zu hören. Die Lautsprecher meines Laptops ließen durch ein leicht knarziges Einspielen von Kirchenglocken verlauten, dass der Gottesdienst nun beginne.

Die Pfarrperson empfing uns nach einer Begrüßung mit folgenden Worten: „Wir haben den Tod Christi vor Augen.“ Die heiße Sonne wärmte meinen Rücken und spiegelte sich im Bildschirm. Ich kniff meine Augen zusammen. Kein Tod Christi vor mir. Aber eine Biene hatte sich verirrt, sie beschloss eine kleine Verschnaufpause auf meiner Tastatur einzulegen. „Wir sehen Christi Leid, denken dabei unmittelbar auch an unsere eigenen Erfahrungen mit Tod und Schmerz. Das alles braucht seinen Rahmen und seine Zeit, deshalb sind wir hier.“ Der letzte Satz wurde mit Nachdruck gesprochen. Vielleicht aufgeschreckt von der plötzlichen Vibration meiner Laptoplautsprecher summte die Biene davon.

Ich glaube, in diesem Moment, war mir auf der Welt nichts ferner als der Schmerz und Tod, egal ob von Christus oder von mir. Vielleicht wäre der passende Rahmen dieses Gottesdienstes eine dunkle, kühle Kirche gewesen. Dort ließe sich unsere Umgebung und die Natur für einen Moment ausblenden und wir könnten uns ganz auf das Leid Christi konzentrieren. Sounds like fun.

Versteht mich nicht falsch: ich will keine Debatte um die Wichtigkeit (oder Unwichtigkeit) des Kreuzesgeschehen für Christ*innen aufmachen – das soll ein Thema für einen anderen Artikel bleiben. Ich war nach dieser Begrüßung jedoch drauf und dran, den Laptop einfach zuzuklappen. Rückblickend wäre das die bessere Alternative gewesen, der Tenor des Beginns zog sich bis zum Ende durch. Ich mach‘s kurz: der Gottesdienst hat mich nicht abgeholt.

Natürlich ist das ein Extrembeispiel. Ähnliche Erfahrungen habe ich jedoch erschütternd häufig gemacht, obwohl ich das oft erst rückblickend in Worte fassen konnte – vielleicht weil es immer Gottesdienste waren, die tatsächlich in einer Kirche stattfanden. Denn selbst wenn ein Gottesdienst mehr Situationsbezug hatte, als der oben geschilderte an Karfreitag, überkam mich so oft das Gefühl einer inhaltlichen Leere in der Predigt gegenüberzusitzen, die entweder mit großen Worten der Theologie gefüllt wurde (wahlweise Sünde, Kreuz, Leid, Vergebung etc.) und/oder nach dem immer gleichen Muster ablief: eine biblische Erzählung, die irgendein Problem aufweist, dann eine dazu parallel verstandene Anekdote aus dem Leben der Pfarrperson, und schließlich – Überraschung! – die Erzählung sei eigentlich ganz anders zu verstehen, Jesus blabla, ergo Versöhnung und Friede.

Was kommen muss

Aber das reicht einfach nicht mehr! Natürlich können wir weiter idealistisch mit den gleichen Methoden gegen die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft anpredigen. Hören wird das jedoch kaum noch jemand. Interessanterweise geht ja gerade diese individualistische Kultur mit der zunehmenden Sinnsuche der Menschen einher. Evangelikale Strömungen, beginnend in den USA und nun schon seit einigen Jahrzehnten auch in Deutschland, haben das längst erkannt. Ich verlange weiß Gott nicht, dass wir es angehen sollten wie die Evangelikalen – theologisch halte ich das meiste für äußerst fragwürdig. Aber zumindest scheinen viele freie Gemeinden es zu schaffen den Menschen zunächst Zugehörigkeit, dann Gemeinschaft und dadurch dann den Bezug zum Glauben zu geben – wohingegen es der nüchterne, deutsche Protestantismus genau andersherum versucht, und gnadenlos scheitert.

Ein guter Gottesdienst ist dabei nur die halbe Miete. Deshalb liegt die Verantwortung für die Situation der Kirche auch nicht nur bei den Pfarrpersonen vor Ort. Mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, ist, dass endlich wieder mehr in die tatsächliche Projektarbeit in den Gemeinden gesteckt wird. Ich habe so oft erlebt oder von anderen gehört, dass Pfarrpersonen und freiwillige Helfer*innen in den Gemeinden gute Ideen haben für Jugendgruppen, Familienangebote, Freizeiten etc. und dann wie Bittsteller an die jeweiligen Landeskirchen treten und für jeden Cent kämpfen müssen. Genau solche Projekte wären aber ein guter Anfang, eine Gemeinschaft aufzubauen und den Menschen zu zeigen: Hey, hier sind wir und wir sind hier für euch! Es hat keinen Sinn, wenn die Türen der Kirchen zwar offenstehen, aber keiner kommt. Den Menschen muss doch erst Mal gezeigt werden, dass es sich lohnen kann, durch die Tür zu treten und einen Blick hineinzuwerfen.

Ich bin mir sicher, dieser Artikel wird einigen sauer aufstoßen – und vielleicht zurecht. Ich weiß, dass es immer einfach ist, von außen zu kritisieren. Außerdem werden mir wohl einige entgegenhalten, dass es in vielen Gemeinden wirklich gut läuft. Das mag alles sein.

Aber die Austrittszahlen zeigen deutlich: entweder es läuft in der überwiegenden Mehrheit der Gemeinden eben nicht gut. Oder ich habe unrecht mit meiner Analyse und die Kirche ist schlicht überflüssig geworden und wird weiter schrumpfen und vielleicht untergehen, egal was sie macht. Ich will optimistisch sein und hoffen, dass es nicht gleichgültig ist, ob sich etwas ändert oder nicht. Es muss aber die Aufgabe unserer Generation sein, diese alte Institution Kirche anzuklagen und zu kritisieren und herauszufordern. Denn nur so kann sich – wenn überhaupt – irgendetwas ändern.